Blalla W. Hallmann fertige Lithographien versehen mit autobiographischen Notizen.

1995 erschienen diese als gebundene Ausgabe im Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 1995; ISBN 3-88375-229-0.

Auf der rechten Seite folgen einige Auszüge, Abbildungen der Lithographien und Texte.

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.

Welche Teufel mich auf die Erde zerrten, weiß der Himmel! Schwere Steißgeburt an einem Sonntagmorgen im März 1941.

Himmelfahrt 1946, Vertreibung aus Quirl, meinem Geburtsort, Kreis Hirschberg, Riesengebirge, Niederschlesien. Über verschiedene Lager —Uelzen, Rheine — nach Emsdetten, der Jutestadt an der Ems bei Münster, Westfalen.

Weihnachten 1946, sehr beengte Verhältnisse in der Weststraße, Emsdetten. Ich bekomme Holztiere geschenkt, die mein Onkel Oswald Hallmann geschnitzt hat. Mein Vater, aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Österreich (Bad Ischl) zurückgekehrt, organisiert für meinen Bruder Siegfried einen Stabilbaukasten. Welche Freude!

1947 Umzug in die Stefanstraße. Wir wohnen in einer Baracke, in der während der Nazizeit Zwangsarbeiter untergebracht waren. Ich grabe manchmal Löcher im kleinen Garten, um Bodenschätze zu finden.

Weil wir die besten Zeichner in der Klasse sind, wird meinem ersten Schulfreund Siegfried Lachner, auch evangelischer Heimatvertriebener aus Pabianice bei Lodz in Polen, und mir von unserer Lehrerin Fräulein Liebenberg die Ehre zuteil, nach Schulschluß mit bunten Kreiden die Geschichte vom Nürnberger Trichter an die Tafel zu malen. Ich bin mächtig stolz bei der Vorstellung des Bildes.

Mein Vater Ewald Hallmann — alter SPDIer — fühlte sich zeitlebens als Künstler. Ein knochentrockener Naturalist. Aus einer armen, kinderreichen Familie stammend, konnte er seinen künstlerischen Neigungen nicht nachgehen, gründete als Malermeister in Quirl ein Geschäft und malte somit nur in seiner karg bemessenen Freizeit Bilder. Ich bin zwischen Farbtöpfen und mit dem Geruch von Lösungsmitteln groß geworden. Zudem machte mein Bruder Siegfried in den fünfziger Jahren auch eine Malerlehre und später seinen Meister.

Mein Vater versuchte erneut, ein Malergeschäft aufzubauen, starb aber nach zweijähriger Bettlägerigkeit im Mai 1950 an den Folgen von Kriegsverwundungen. Während seiner Krankheit beschäftigte er sich mit den Lehren Mahatma Gandhis. Meine Mutter, eine exzellente Fliegenfängerin, verscheuchte die Fliegen von der aufgebahrten Leiche. Die Leute, die meinen Vater gekannt hatten, sagten: ‚Der Ewald war zu gut‘, was wohl heißen sollte: ‚Er war ein Trottel‘, der die betrügerischen Spiele seiner Mitmenschen nicht mitmachte.

Anfang der fünfziger Jahre Gründung eines Indianerclubs. Schöne Zeit! Wir fahren in unserer selbstgebastelten Ausrüstung mit dem Bollerwagen ins nahegelegene Kiefernwäldchen zum Spielen. Erste Raucherfahrung mit billigen Stumpen. Wir entwickeln sogenannte Schwänzeltänze, das heißt, tanzend sein Spätzchen zeigen.

1952 mit elf Jahren im Krankenhaus wegen eines Blinddarmdurchbruchs. Erste Sterbeerfahrung bei der Äthernarkose. Wegen Verstopfung Vergewaltigung mit dem Klistier vor den Augen anderer Patienten.

Ich entdecke Eigentümlichkeiten an mir, die mit angenehmen Gefühlen, aber auch mit stinkendem Smegma daherkommen. Versuche mich in Knaurs Lexikon unter G wie Geschlechtskrankheiten wissend zu machen. Angst und Schuldgefühle!

Von klein auf malte ich gern, wurde auch gelobt und heimste bei Jugendwettbewerben Preise ein. 1956 steht für mich fest: Ich will Künstler werden, um was ganz Besonderes zu sein, damit mich alle schönen Frauen lieben.

Mein großer Hinführer zur Kunst war der aus Mährisch-Ostrau vertriebene Maler und Zeichenlehrer Franz Klopietz, bei dem ich zweimal in der Woche meine Pinseleien begutachten ließ. Eine Zeit, in der ich noch glaubte, daß man mit Fleiß, Talent und Gottvertrauen Erfolg haben muß.

1956/57 verdiente ich lächerlich wenig Geld mit Hilfsarbeiten in diversen Textilfabriken. Dort lernte ich den Alkohol und das Zigarettenrauchen kennen, versuchte damit die Versagung unbekannter Befriedigungen zu überspielen und mich erwachsen zu fühlen.

Den sieben Jahre älteren Michael Goecke traf ich 1956 im Volkshochschulkurs in Emsdetten, den mein Zeichenlehrer Franz Klopietz leitete. Klopietz — immer auf der Höhe der Zeit — malte damals tachistisch und beeinflußte mich damit eine Weile. Einen prägenden Einfluß auf mich hatten jedoch die eigenwilligen Malereien des Michael Goecke. Er war es auch, der mich zur großen Literatur führte: Dostojewski, Maupassant, Hamsun, Kafka, Poe, Nerval, Nietzsche, Hölderlin etc. Michael Goecke ging es um magische Zeichenfindung gegen eine informelle Beliebigkeit im Sinne des späten Paul Klee.

1957 bewerbe ich mich an der Kunstakademie Düsseldorf. Professor Otto Coester erkennt mein Talent und nimmt mich in seine Klasse auf. Welch ein Glück! Ich bin der jüngste Kunststudent an der Hochschule. Raus aus der Barackenenge in ein eigenes möbliertes Zimmer in Düsseldorf-Oberkassel!

Am Schluß des Probesemesters schickt mich Otto Coester nach Hause, sagt mir noch, daß Malerei eigentlich ein Laster sei, und ich solle erst mal eine Lehre machen, dann später wiederkommen. Im Frühjahr 1958 entschließe ich mich zu einer Maler- und Anstreicherlehre. Schöne Mädchen ziehen an mir vorüber. Ich bin ständig verliebt, geil wie Schifferscheiße und habe außer der Kunst nur Abspritzen im Kopf. Ein Spruch meines Meisters Josef Welle ist mir in Erinnerung geblieben: Deä unwiese Keäl vesaut de janze Faabe met sien Jesicht. Heißt: Der steht sich selbst im Weg. Ist mir immer wieder mal gesagt worden bis auf den heutigen Tag.

1958 entstehen neue Bilder, beeinflußt von dem Maler Frenzel. Nach meiner Lehre in Emsdetten bewerbe ich mich wieder an der Düsseldorfer Akademie bei Frenzels Lehrer Bruno Goller. Der kann mich nicht bei seinen Professorenkollegen durchsetzen, verspricht mir aber, sich meine Arbeiten von Zeit zu Zeit anzusehen. Nach einem Umweg über die Kunstakademie in München bei Professor Oberberger lande ich im Spätherbst 1960 an der Akademie in Nürnberg bei Professor Fritz Griebel. Dort verpaßt man mir auf Grund meiner unakademischen Bilder den Übernamen BLALLA.

Ende der fünfziger Jahre mein erster Vollrausch – unvergeßlich! Zu viele Pilskes und Schnäpskes. Ich verlor die Orientierung und vertauschte in einer kalten Frühjahrsnacht ein Apfelbäumchen mit dem Kleiderständer und das häusliche Bett mit einem Acker.

Nürnberg verbindet sich bei mir immer mit deutscher Weihnacht. Ich entwickelte so etwas wie Heimatgefühle. Die Stadt und Franken werden für mich noch eine wichtige Rolle spielen.

Mein Professor Fritz Griebel an der Akademie in Nürnberg, ein braver Anthroposoph, ließ mich gewähren, schätzte vor allem meine Grafik und machte mich 1963 zum Meisterschüler.

1961 trampe ich nach Paris, um mir die große Henri-Rousseau-Ausstellung in der Galerie Charpentier anzusehen. Ich wohne bei dem Studienkollegen und späteren Kunsterzieher Herbert Kießwetter in der Rue de Papillon am Montmartre. Ich werde in meiner Ansicht bestätigt, daß Kunst eher bei den sogenannten Naiven zu finden ist als im akademischen Lager. Meine Verachtung der offiziellen Kunst wächst.

In diesem Stilleben von 1962, einem der wenigen geretteten Bilder — die meisten gingen verloren oder habe ich selbst zerstört —, taucht erstmals mein in späteren Jahren häufig benutztes Widderzeichen auf.

Ich bin ein leicht erregbarer Mensch, ständig in die schönsten Frauen verliebt, mit Herzbruch und so, aber ich komme nicht zum Schuß. Man schreibt das Jahr 1963. Ich bin bald zweiundzwanzig und habe immer noch mit keiner Frau geschlafen. Meine Freunde lachen sich darüber kaputt. Ich will’s wissen und gehe während einer Reise, nachdem ich mir Mut angetrunken habe, in Köln in die Neschelsgasse am Vater Rhein in den Puff. Habe Glück und erwische eine schöne, junge Frau aus Dortmund, die es mir für hundert Mark gleich zweimal besorgt und mir zeigt, wo’s langgeht. Endlich ein Mann! Ich sitze danach viel selbstbewußter auf dem Hocker vor dem Tresen.

Den Künstler Hartmut Heckes, meinen Studienkollegen aus der Düsseldorfer Akademiezeit, besuchte ich während meiner Studienzeit gern in Duisburg. Auf meinen Heimreisen von Emsdetten zurück nach Nürnberg machte ich immer bei ihm Station. Er wohnte bei seinen Eltern, die sich eine interessante Bildersammlung aufgebaut hatten. Wenn der Name Duisburg fällt, bekomme ich nostalgische Gefühle.

Auf einer Reise nach Wien, 1963, beim Trampen mit meinem Studienkollegen, dem Maler Robert Kirchner aus Bad Kissingen, turnt mich ein Amerikaner an der Ausfahrt Rosenheim mit Opium und Haschisch an. Ich komme auf einen grauenhaften Horrortrip, halluziniere den Leibhaftigen, der mich hypnotisiert.

Im Sommer 1963 mache ich als Hamsun-Fan eine Reise nach Norwegen, wo ich in Oslo eine sehr nette Norwegerin kennenlerne, die mich im darauffolgenden Jahr in Deutschland besucht. Wir hatten viel Spaß miteinander. Von Tove, so hieß sie, lernte ich das Zigarettendrehen.

Zu meiner ersten kleinen Ausstellung in der Galerie im Studententheater am Luegerplatz in Wien 1964, die mein Freund, der Bühnenbildner Ulrich Hüstebeck, organisierte, reiste ich zusammen mit Freunden von der Nürnberger Akademie aus Regensburg mit einer Zille (Fischerkahn) an. Der wunderbare Mensch und Künstler Thomas Habbel, der sich 1971 das Leben nahm, war der begeisternde Organisator dieser Donaufahrt.

Nach meiner lnitiation im Kölner Puff lief es – trotz immer noch viel zu langer abgewichster Pausen und ewiger Pickelprobleme – gut mit den Mädchen, so manche mochte mich irgendwie und ließ mich dran. Meine großen Lieben aber wurden nicht erwidert, und die Brennpunkte meiner Sehnsüchte blieben in unerreichbarer Ferne.

Gute alte Freunde: Herbert Haber! und Bernd Wangerin, Studienkollegen aus der Akademiezeit in Nürnberg. Gemeinsame Interessen — Weiber, Saufen, Kloppereien und Randalieren — haben uns als verhaßtes und legendäres Trio infernale zusammen- und vor das Amtsgericht Nürnberg gebracht. Man drohte sogar an, mir den Status des Meisterschülers abzuerkennen.

Die ersten Sammler, zum Teil noch aus der Akademiezeit: die Bildhauer Gerd Weiland (Drago), Hubert Klinket (Hubsi der Gipsphilosoph) aus Trier und Ulrich Hüstebeck, der Bühnenbildner. Hauptsächlich Grafik für ein paar Mark, damit ich abends Bier trinken konnte.

Nach dem Studium wissen wir alle nicht, was tun, haben keinen Pfennig. Deshalb gründen meine Studienkollegen und ich im Frühjahr 1965 ein Wandertheater, aus dem später Hoffmanns Comic-Theater wird. Wir ziehen theaterspielend durch Bayern und leben vom Sammeln. Kohldampf ist angesagt.

In unserem Maskentheater gab jeder verschiedene Personen. In Doktor Sassafras spielte ich unter anderem den Tod, denn ich war lang und dürr. Eine tragende Rolle! Wir hatten zwei Stücke im Repertoire: Doktor Sassafras oder Doktor Tod und Teufel vom Grafen Pocci und Die Legende vom heiligen Florian. Die Musik schrieb Rio Reiser, der sich damals David Volksmund nannte.

Eine schicksalhafte Begegnung war 1964 mein Zusammentreffen mit dem amerikanischen Künstler Norman Stiegelmeyer. Er studierte mit einem Stipendium in Nürn-erg. Einer der interessantesten und besten Künstler, die ich jemals traf. Norman hatte einen immensen Einfluß auf meine Arbeit und mein Leben, er brachte mich auch mit dem Gedankengut von Sri Ramakrishna und Za-Zen in Berührung. Norman Stiegelmeyer starb 1985 an einem Gehirntumor.

Nach der Wandertheaterzeit hatte ich kein Geld, weder Verbindungen noch kriminelle Energie. Was blieb mir übrig als Hilfsarbeit auf dem Bau? Also Herbst und Winter 1965/66 auf der Großbaustelle (Baugilde Nord) in Nieder-Roden bei Darmstadt, wo ich nebenbei kleine Stücke schrieb und mich an Ölkreidezeichnungen versuchte, außerdem — ganz wichtig — den Führerschein machte.

Die Ölkreidezeichnung Die Wüste lebt nebst einer Serie von Zeichnungen entstand im Hobbykeller der Familie Möbius in Nieder-Roden.

Nach erneutem Versuch im Frühjahr 1966 in Nürnberg steige ich im Sommer aus dem Theater aus und stürze mich ausschließlich aufs Bildermalen, verdiene neben-her etwas mit Anstreicherarbeiten. Im Herbst lerne ich die kleine, sehr hübsche Pfälzerin Sonja kennen, die an der Akademie Nürnberg Modell steht. Eine Verbindung, die mit einer dramatischen Abtreibung endet. Dabei haben wir uns eigentlich geliebt.

Nach einer zweiten kleinen Ausstellung im Mai 1967 in der Galerie Edelmann, bei der Manfred de la Motte die Einführungsrede hielt – mit geringem Erfolg bei lächerlichen Preisen -, nachdem ich mich als Bühnenbildner für die erste Rockoper der Welt, Robinson 2000 der Möbius-Brüder (Musik Rio Reiser), im Theater des Westens in Berlin versucht und schließlich gemerkt hatte, daß ich mit meiner Auffassung von Kunst in Deutschland nichts werden kann, entschließe ich mich im Herbst 1967- als sich auch noch mein Freund Erich in meiner Bude aufhängt -, der Einladung Norman Stiegelmeyers zu folgen, nämlich mein Glück in den Staaten zu versuchen. Ich fliege mit einer Turbo-Prop-Maschine der Islandic Air-lines, Loftleidir, über New York nach San Francisco. Trage mich mit dem Gedanken, Deutschland endgültig zu verlassen.

Das Geld für den Amerikaflug hatte ich mir in Tag- und Nachtschichten beim Innen- und Außenanstrich der Villa von Sonjas Eltern in Lauterbourg im Elsaß verdient.

In Mill Valley bei San Francisco, wo mir die Bransons – nette Leute – ein kleines Gartenhäuschen zum Wohnen und Arbeiten zur Verfügung gestellt hatten, schnitt ich Hecken, machte sonstige Gartenarbeiten und strich Häuser an. Für einen Dollar fünfzig mit Verpflegung für ‚deutsche Wertarbeit‘!

Meist male ich nachts in der engen Hütte für Ausstellungen im State College in Sacramento oder in der Uni-corn Gallery in San Francisco im Frühjahr und Sommer 1968. Ich befreunde mich mit Peter Saul, lerne Robert Crumb und die Hairy Who aus Chicago kennen. Die Inhalte meiner Bilder radikalisieren sich. Durch schlechte Ernährung — viel Zigaretten (Camel ohne), viel Kaffee (Maxwell instant) —, wenig Schlaf und ständige Zahnschmerzen komme ich immer mehr auf den Hund. Nur ein paar one night stands fallen für mich beim großen amerikanischen Liebesfest ab. Wehmütig denke ich an die europäischen Frauen, die ich zurückgelassen habe. Abgewichste Zeit!

Eine der wenigen erhaltenen Arbeiten meines Amerikaaufenthaltes. Es wurden auch Zeichnungen in der von Bob Bassara herausgegebenen InsectTrust Gazette 1968 veröffentlicht: Blalla has a message for you!

Mit solchen Einladungskarten versuchte ich die Leute auf mich aufmerksam zu machen.

Im Spätsommer 1968 verschafften mir die Künstlerfreunde Roy Deforest, Peter Saul und Norman Stiegelmeyer einen Stundenjob als Art-Teacher an der University of California in San Francisco. Hier lernte ich Cynthia kennen, die sich als Topless-Tänzerin ihr Geld verdiente und künstlerische Ambitionen hatte. Cynthia war schön, hatte eine vierjährige Tochter Claudia, war mit allen Salben gesalbt und allen Wassern gewaschen. Mit mir naivem, ausgehungertem Deutschen hatte sie leichtes Spiel. Sie turnte mich richtig an, zuerst mit Gras und dann mit Acid.

Eine unvergeßliche Erfahrung machte ich ohne harte Drogen: Wir hatten lediglich etwas Gras geraucht in der Sacramento Street in San Francisco. Ich brach zusammen, aus meinem Leib löste sich ein anderer Körper, fuhr unter die Decke und beobachtete von oben aus meinen Zustand. Zwei schwarze Musiker, Ralph und Everett, machten Musik und lockten damit den entwichenen Körper wieder in die alte Hülle zurück. Wahrscheinlich ein kurzer Herzstillstand. Menschen, die kurzfristig klinisch tot waren, berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Ich beginne die miese Maskerade der Leute in meiner Umgebung — meine eingeschlossen — zu erkennen, kriege es aber nicht richtig auf die Reihe, weil ich keinen wissenden Menschen treffe, der mir in meiner wachsenden Verzweiflung hilft. Den Love-and-peace-Spielchen mißtraute ich schon lange, das war doch wieder nur etwas für die trickreichen Schönen und Reichen.

Anfang 1969, nachdem mir Cynthia zu Weihnachten noch einen Tripper beschert hatte, suchte mich auf leisen Sohlen die damals weitverbreitete Paranoia heim und schickte mich auf einen Jesus-, Superman- und Hitler-Trip, der schlimme Folgen haben sollte und fast das Ende meiner Malerlaufbahn bedeutet hätte.

Im März 1969 wurde ich auffällig und geriet ziemlich verwirrt in die Fänge der amerikanischen Polizei, die mich wegen versuchter Brandstiftung und Paßvergehens — meine Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen — in Abschiebehaft nahm und mich nach einiger Zeit als Persona non grata nach Deutschland zurückschickte. Das Ende des amerikanischen Traums von Glück und Erfolg. Immerhin, den Rückflug brauchte ich nicht zu bezahlen.

Eine schwierige Reise vom Frankfurter Flughafen zu meiner entsetzten Mutter in Oberelspe, Sauerland. Dann fahre ich nach Nürnberg, wo ich alle meine Bilder — ich hatte bei Bekannten im Unterbürger Schlößchen Viele meiner Arbeiten gelagert — verbrenne, weil ich fest da-von überzeugt bin, daß die Schinderei mit der Kunst nun endlich vorbei ist und nur noch mit Gold und Silber gearbeitet wird. Schlimm ist, daß ich die wenigen Aquarelle, die mein Vater als Soldat während des Krieges malte, auch verbrenne. Seine früheren Bilder blieben wegen der Vertreibung in Polen.

Was mir in Amerika passierte, ist vielen anderen auch widerfahren, nur heißt so etwas bei Leuten mit Geld depressive Verstimmung Abendzeitung schrieb: Blalla unheilbar geisteskrank!

Nach sechs Wochen auf der Geschlossenen im Bau 21 in Nürnberg Verlegung in die Landesnervenklinik Land-eck, Klingenmünster in der Pfalz. Dort stellte man mich ruhig mittels Taxilan, Didiperon und Akineton. Meine Libido wurde entschärft, dabei hatte ich nie vorgehabt, mein genetisches Material weiterzugeben. Ich wurde starr und unbeweglich, ein wandelndes Hermannsdenkmal, empfand weder Freude noch Trauer, ein ZombieKünstler auf ihrer Station zu haben.

Stumpf und unfähig, Leidenschaften zu entwickeln, verziehe ich mich im Herbst 1969 zu meiner Mutter nach Oberelspe ins Sauerland. Das soll jetzt alles gewesen sein? Ich bin achtundzwanzig und nichts mehr mit »… des kleinen Mannes Sonnenschein« und so. Ich schmeiße die Psychopharmaka und Neuroleptika in den Ofen und vertraue mich meinem Hausarzt Doktor Hein an, der mir Tonol mit Yohimbin verschreibt und mir rät, Pornohefte zu kaufen. Ich halte mich daran. Und siehe da, das Leben beginnt zu erblühen, ich fange wieder an zu zeichnen.

Das Titelblatt für den Comic Die Botschafter des Hasses, den ich 1971 in Berlin im Wahn zerstörte.

Im Frühjahr 1970 fühle ich mich fit genug, mich wieder an die Kunstfront zu begeben, und suche erneut Zuflucht in Nürnberg. Ich fange an, Comics zu zeichnen, und entwickle in Die Botschafter des Hasses aggressive Figuren: Manu Maniac, Pepe Pest, Karl Kot, Ulla Harn und Bob Eiter. Meine Theaterfreunde überreden mich, mit ihnen zusammen Theater zu machen. So lande ich wie-der bei Hoffmanns Comic-Theater in Berlin. Man versucht mich zu politisieren. Wir führen mit unserer aufstellbaren Bühne Agitprop-Theater auf, um auch unser Scherflein zu 68er Gymnasiasten-Revolution beizutragen, und gastieren hauptsächlich in der Gropiusstadt und im Märkischen Viertel. Wir spielen auch schon mal zusammen mit Ton, Steine, Scherben für amnesty international mit dem legendären Freßsack-Stück meines Freundes, des Bamberger Shakespeare Dietmar Roberg, oder führen unser Spontanstück Familie Stulle auf.

Die Berliner Wichtigtuerei und Klugscheißerei, dazu die diversen Psychospielchen, nichts zu ficken und schlechte Ernährung, hauen mir im Frühjahr 1971 wieder die Sicherungen raus. Zwangseinweisung wegen Verwahrlosung und Selbstgefährdung in die Klinik Havelhöhe auf die geschlossene Abteilung, Wachsaal etc. pp. Die Chemokeule schlägt erneut mit Haloperidol zu. Jetzt glauben auch die meisten meiner Freunde, daß mit mir etwas nicht stimmt. Dabei war das einzige, was schon immer nicht stimmte, die ewige Misere im Portemonnaie, also die existentielle Not, und daß ich mein Talent als Maler nicht richtig zur Entfaltung bringen konnte.

Eva Zeltner, die ich seit 1966 kenne, erscheint im Herbst 1971 als Schutzengel und holt mich, nachdem sie eine Verpflichtung unterschrieben hat, für mich verantwortlich zu sein, aus der brutalen Berliner Umgebung. Sie bringt mich zu meiner Mutter nach Oberelspe. Ich bin fertig. In dumpfer Verzweiflung liege ich tagelang im Bett oder trotte durch die sauerländischen Wälder, immer ein Kabel in der Tasche. Die Worte eines Schwarzen drehen sich in meinem Kopf, der mir in San Francisco sagte, nachdem ich auf das Dach eines fünfstöckigen Hauses geklettert war: »lt would have been better for you, you would have jumped down.« Ich denke nur noch ans Aufhängen. Aber irgend etwas, vielleicht das Wachsen der Natur um mich herum, hält mich davon ab.

Mein Schwager Manfred aus Attendorn kann 1972 meinen Zustand nicht mehr mit ansehen und bringt mich in die offene neurologische Abteilung des Johannes-Krankenhauses in Neheim-Hüsten zu Frau Doktor Doepp. Dort lerne ich Brigitte kennen, eine Arzttochter, die auch Kopfprobleme hat. Und wie’s so geht, wir ziehen auf der Toilette ein Quickie durch — ich mit einem Halbharten. Wir werden prompt von einem alten Mütterchen gestört. Die Eltern des Mädchens lassen bei ihr umgehend eine Ausschabung machen, und mich versucht man mit einer Einweisung in die geschlossene Anstalt nach Warstein zu bestrafen, was die verständnisvolle Frau Doktor Doepp zu verhindern weiß.

Bald nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus holt mich Eva Zeltner zu sich nach Eckenhaid (Fränkische Schweiz), wo ich mit ihren Kindern Markus — er entwickelte die Debil-Comix —, Pamela und Kim viel zeichne. Ich bin auf Psychopharmaka-Depot-Spritzen eingestellt worden. Mit Evas damaligem Freund spiele ich nächtelang Sechsundsechzig und trinke viel, viel Hopfentropf. Im Herbst 1972 habe ich eine kleine Ausstellung in Nürnberg in der Galerie Beate Voigt. Die Abendzeitung schreibt: Blalla ist wieder da!

Eva Zeltners Wohnung in Eckenhaid.

Den Weg zurück ins normale Leben bereitete mir dann 1973 Tavor, mothers little helper – die Barschel-Droge-, auch Sonnenbrille für die Seele genannt. Frau Doktor Doepp verschrieb sie mir. Hoch dosiert und in Verbindung mit Alkohol mauerte mich das innerlich zu und gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich konnte wieder unter Leute gehen. Lange, lange Jahre blieb ich von Tavor abhängig. Die siebziger Jahre waren für mich von Alkohol und Tabletten bestimmt. Auf diesem Weg in die Normalität half mir aber auch 1973/74 das offene Haus der Familie Walz aus Nürnberg. Eva Walz, die Seele der Familie, setzte sich stark für meine Arbeit ein und organisierte eine Ausstellung in der Galerie Radegundis Villinger in Würzburg mit. Sie schlug mich sogar für den Förderpreis der Stadt Nürnberg vor. Eva Walz nahm sich Anfang 1974 das Leben.

Doktor Titus Milech lernte ich 1969 im Nürnberger Bau 21 kennen. Er machte dort ein Praktikum. Nach meinem zweiten Zusammenbruch in Berlin traf ich ihn 1973 wieder. Er war inzwischen mit Ulla verheiratet, machte in Würzburg sein Staatsexamen; sie wohnten in Sommerhausen. Titus bekam nach jeder bestandenen Prüfung eine Rose von ihr. Mir richtete sie im Keller ein Zimmerchen ein, wo ich auch meistens lebte. Ich las Pirandello. Ulla rationierte meinen Zigarettenkonsum und kennt mich besonders gut, weil sie oft meine verpißten Unterhosen mitgewaschen hat.

Ich begann ein Buch mit kleinen Bildern zu machen, das ich auch dem Galeristen Hansfried Defet in Nürnberg zeigte, der damit aber nichts anfangen konnte.

Von dem Seiltänzer gibt es ebenfalls mehrere Fassungen.

Ein Lichtblick in sonst finsterer Zeit war die Wiederbegegnung mit dem Künstler und früheren Studienkollegen Reiner Zitta. Ich traf ihn 1974 durch den Musiker Peter Klimek, genannt Klecks. Reiner betrieb mit dem Tschechen Peter Hoyer und dem Rumäniendeutschen Dieter Rosezky die Künstlerkneipe Gregor Samsa, die lange mein zweites Zuhause werden sollte. Reiner Zitta und seine Frau Gisela brachten Leute zusammen, durch sie fand ich Freunde, die mir halfen, wieder auf die Beine zu kommen. In diesem Kreis wurde nie gefragt: Was biste, was kannste, was haste, und welchen Vorteil kann ich mir durch dich verschaffen? Hier herrschte das Prinzip des Teilens, wer gerade etwas hatte, der war dran. Reiner Zittas legendärer Spruch, wenn einer sein Bier nicht zahlen konnte: ‚Das paßt schon.‘

Mit dem Maler Peter Angermann macht mich Alf Schuler eines Abends im Sommer 1974 bekannt. Er wohnte über der Künstlerkneipe Gregor Samsa. Ich staunte nicht schlecht, was der für verrückte Bilder malte. So gute Sachen hatte ich seit Amerika nicht mehr gesehen. Auf einmal saßen wir zu fünft in Angermanns kleiner Badewanne bei Quarzlampe und fluoreszierender Wandbemalung.

Irgend jemand machte in der Kneipe Gregor Samsa immer Musik, ob nun Peter Klimek, Erhard Kick, das Allround-Talent Peter Hammer mit seiner Poor and Gifted-Band oder die vielen anderen. Ein besonders liebenswerter Mensch war der Pazifist und Blues-Sänger Martin Philippi, der leider 1983 schon mit dreiunddreißig starb.

Edith, die schöne verheiratete Schwäbin aus Heilbronn, in die ich mich Anfang 1975 verliebte, verschaffte mir abgewracktem Typ ein kurzes Glück. Aus diesem Zu-stand wollte ich mich mit Schlaftabletten klammheimlich wegstehlen, was mißlang. Meine Atelierwohnung in der Burgkmairstraße in Nürnberg wurde nach drei Tagen aufgebrochen und ich aus meiner Kotze gezogen. Freunde verhinderten eine Bestrafung durch Einweisung in die Psychiatrie.

Im Sommer 1975 versuchte ich noch mal, mich wegzuputzen, jetzt —weil es das erste Mal so schiefgegangen war — radikaler. Ich soff den Abflußreiniger Rohrfrei mit dem Silbervogel. Das war knapp! Aber die kleinen geilen koreanischen Engel auf der Intensivstation der Uniklinik in Erlangen signalisierten mir, daß es doch auch Nettes im Leben gibt. Dazu Tucholskys Buch Gruß nach vorn, das mir Peter Klimek als Lektüre mitbrachte.

1975/76 hatte ich ein Wohnatelier in der Gothaer Straße in Nürnberg — eigentlich sehr schön. Die Ateliers wurden leider in den dreißiger Jahren im Rahmen der Kunst fürs Volk-Bewegung in eine schlimme Spießerumgebung integriert — mit Bohnerwachsgeruch, Haus-ordnung und so weiter. Ich habe dort ein paar ganz gute Sachen gemacht, zum Beispiel Die Imitation Christi und deren Versuchung, das mein Freund, der Arzt Titus Milech, der jetzt in Marseille lebt, besitzt.

Erhard Kick, das Multitalent aus Schwabach, eröffnete 1976 in Nürnberg die Galerie Kokutiatre, in der ich meine erste größere Ausstellung seit dem Amerikaaufenthalt hatte. 1979 stellten Peter Angermann und ich in der Fränkischen Galerie in Nürnberg aus und bekamen mit unserem Plakat, das wie ein RAF-Fahndungsplakat aussah, während der Terrorismushysterie Ärger mit der Nürnberger Polizei. Der gute Erhard machte jeden Quatsch mit — bis hin zum Schlammschieben. 1987, als er’s im Kopf nicht mehr aushielt, hat er sich leider siebenunddreißigjährig — immer extrem — mit einer elektrischen Zeitschaltung umgebracht.

1976/77 sollte es dann das Landleben in Kleingesees bringen. Ich zog mit Peter und Renate Angermann in ein altes, lausig kaltes Bauernhaus, im Winter gab es hübsche Eisblumen an den Wänden. Der erste Angermann-Sohn Hans wurde geboren. Ich war für die Dorfjugend so etwas wie ein Guru. Angermann schleppte mich zu einer Taekwon-Do-Truppe in die Zirndorfer Kaserne. Wir bauten in Kleingesees eine Filiale auf unter der Anleitung von Jochen Schulz. Metzgergesellen brachten mir eimerweise Bullenblut, das ich, um bei Kräften zu bleiben, mit Salz und Pfeffer trank. Ansonsten waren aus Geldmangel Pellkartoffeln mit Quark und Knoblauch angesagt.

Die Koller-Familie aus Regensburg: der Maler und Bildhauer Rudolf, seine Frau, die Malerin Diane, und ihre drei Kinder Ljida, Teresa und Verena, die ich durch Thomas Habbel schon in den Sechzigern kennenlernte, gaben mir in den Siebzigern und auch später immer das Gefühl, zu Hause zu sein. Bei meinen regelmäßigen Besuchen faßte ich immer wieder Mut zum Weiter-machen — eine Krafttankstelle.

Im Frühjahr 1978 zog ich in ein Gartenhäuschen nach Raitersaich. Ein Freund, Fritz Lang, Kunsterzieher und Bildhauer, stellt es mir kostenlos zur Verfügung. Es lag direkt neben einem Umspannwerk mit zahllosen Hochspannungsleitungen — ein permanentes Summen. Davon angeregt und durch zusätzliche Einnahme großer Mengen Apfelkorns und Elektrosmogs bin ich zu seltsamen Ergebnissen gekommen.

An der Blalla-Mandala — eigentlicher Titel Flug ins Licht Geburt/Tod, Tod/Geburt — habe ich ein halbes Jahr lang gearbeitet.

1979 ist wieder ein Umzug angesagt, diesmal in die Zitta-Mühle in Pühlheim bei Altdorf, Bayern, wo ich kostenlos wohnen kann. Eigentlich sollte es für länger sein: das erste Jahr einsam und allein, arschkalt, keine sanitären Anlagen, braunes Trinkwasser aus einer Quelle oder geschmolzener Schnee. 1980 malen dann Reiner Zitta und ich viele Bilder zusammen, er ist zuständig für die Landschaften, und ich baue die Geschichten rein. Dabei sind schöne Sachen entstanden — unter Sammlern gefragte Raritäten. Im Winter hält uns jeden Abend ’ne dicke Pulle Pott-Rum warm und bei Laune.

Renate zu der Zeit, als wir noch enger befreundet waren.

Nach einer Operation wegen Hautkrebsverdachts in der Uniklinik Würzburg besorgt mir der Arzt und Freund Titus Milech ein Gartenhäuschen am Leutfresserweg, an einem schönen Hang mit verwildertem Garten unterhalb der Frankenwarte mit Blick auf die Würzburger Festung Marienberg. Im Winter ist es lausig kalt, und im Sommer quälen mich Zecken. Den unteren Teil des Hauses bewohnt, wenn sie nicht Vertretungen macht, die Ärztin Monika Dirr mit ihrem grauenhaften halbblinden Hund Baffi. Ich fange an, mir den Ekel vor der Menschheit von der Seele zu malen. Es entstehen viele schräge Bilder, die keiner haben will. Ingo Oehler gründet die Blalla-Foundation, von der ich mäßig leben kann. Horst und Renate Rhode, die in Rottendorf bei Würzburg eine Galerie (Le Colombien) mit Wochenendrestaurant betreiben, versorgen mich mit leckeren Essensresten (französische Küche).

Das Fassenachtssextett Spulwurm bringt der rotierenden vollautomatischen Eierschleifmaschine Sülzia das Ständchen Ich bete an die Macht der Lübe. Pausen-clown Gevatter Hein als exhibitionistischer dummer August sowie Luzifer mit einer jungen Dame aus besseren Kreisen mit Neckball (Altarbild mit zwei Anstifterfiguren, 1981, Tempera auf Preßspan, 142 x 87 cm). Dieses Bild war der Übergang zu den berüchtigten infamen Arbeiten.

Eins der letzten Horrorbilder, die ich in der engen Hütte am Leutfresserweg in Würzburg malte. Das Bild machte mir selbst angst, so daß ich es nachts umdrehen mußte.

Willi und Ruth Frommberger, die alten treuen Künstlerfreunde aus der Düsseldorfer Akademiezeit, vermitteln mir im Brühler Kunstverein Kurse für Radierung und Malerei. Im Kunstvereinshaus, die spätere Villa Minima, kann ich umsonst wohnen und arbeiten. Der Leiter des Kunstvereins ist Caspar Markard, ein Schulfreund Heinrich Bölls. Böll ist auch ab und zu in der Villa Minima, und ich hätte ganz gern mal einem Nobelpreisträger die Hand geschüttelt, aber ich bin wohl nicht vorzeigbar. Ehrlicherweise muß ich zugeben, daß ich in dieser Zeit viel trinke. Für die kostenlose Unterkunft helfe ich beim Aufbau von Ausstellungen und streiche auch schon mal das Haus an.

1982, Felix und Irmel Droese finden meine Arbeit gut und stellen den Kontakt zur Produzenten-Galerie in Hamburg her. Die wiederum macht mich mit der Griffelkunstvereinigung bekannt.

Rüdiger Müller, ein Doktor, alter Achtundsechziger und Kämpfer für mehr Gerechtigkeit in der Welt, tritt über Felix Droese auf den Plan, wird zum begeisterten Verfechter von Kunstvorstellungen, die den meinen sehr nahe kommen, und ein entschiedener Sammler meiner Bilder. Seine damalige Frau, Ricarda Müller, brauchte etwas länger, um Blalla-Fan zu werden.

Das EWG war schon zu meiner Brühler Zeit Anfang der Achtziger meine Lieblingskneipe in Köln. Im Gegensatz zu den anderen Szenekneipen voller Geniedarstel-ler (Wortschöpfung von MÄRZ-Schröder) trifft sich hier ein gemischtes Publikum. Der Fotokünstler Silvio Mirgel führte mich damals mit einem schlimmen Besäufnis in die erlauchte Runde der Kampftrinker ein. Noch heute gehe ich, wenn ich in Köln bin, gern dort vorbei, um Freunde zu treffen wie Arne Pahl, einen Soziologen und Wirtschaftsfachmann, Kripo, den Lebenskünstler, Walter Wagner, seines Zeichens Pädagoge und Kölschexperte, oder Frank Herzog, den Maler und Bildhauer. Nicht zu vergessen die süßen, häufig wechselnden Bedienungen und andere nette Frauen.

Gute Wirtsleute braucht der Mensch, und die brauchen gute Gäste. Ich habe in Köln nie Deckel gemacht. Der alte Roxy-Wirt Horst Leichenich sah mich oft in seinen Kneipen und in der >Wunderbar. Die Agnesklause von Pit Brügger in Nippes lag meinen nächtlichen Routen leider meist zu fern.

endart, die Künstlergruppe aus Berlin, lernte ich 1985 über Wolfgang Schulz kennen, der ihre Arbeiten in seiner Zeitschrift Fotografie, Kultur jetzt zusammen mit meinen veröffentlichte. Einer der wenigen Lichtstreife am grauen Kunsthimmel. Die geistige Verwandtschaft wird erkannt, und eine gegenseitige Liebe entsteht. Von links vorn: Jürgen Rabpior alias Herbert, 1993 tödlich verunglückt, Klaus Theuerkauf alias Jim Pansen, Antje Fels alias Klara Korn, Peter Meseck alias P. Jodel, auf dem Teller abgebildet Gerd Lüer alias Muffel, ste-hend Ralph Arens alias A. Nuss und Karl-Heinz Kahle alias Robert Bottrop.

Pfingsten 1985 stirbt mein Neffe Herwig Metzner, der älteste Sohn meiner Schwester, im Alter von zweiundzwanzig Jahren im Studentenwohnheim in Bonn an einer Überdosis Insulin, nachdem er achtzehn Jahre lang gegen seine Diabetes gekämpft hat. Ich widme ihm das Bild Good bye Herwig, das Hans-Jürgen Müller aus Stuttgart kauft.

1986 macht mich der Förderkreis Bildender Kunst in Nürnberg zum Preisträger. Ich bekomme den von Mrs. Wiener zur Erinnerung an ihre Eltern gestifteten, mit fünftausend Dollar dotierten Lisa und David Lauber Preis.

Die Malerin Gerlinde Pistner lernte ich 1988 in Nürnberg kennen. Gerlinde ist besonders nett, deswegen waren wir auch vier Jahre lang miteinander verbandelt und sind noch heute gute Freunde.

Eins von einunddreißig Hinterglasbildern (120 x 110 cm) aus der 1991er Ausstellung in der Galerie Rudolf Zwirner, das nebst drei weiteren aus der Serie vom Diözesan-Museum in Köln angekauft wurde.

Frans Masereels Stundenbuch und die Schröder erzählt Geschichten, die Jörg Schröder (der MÄRZ-Verleger) zusammen mit Barbara Kalender herausbringt, haben mich zu diesem Buch angeregt.

Fünfundachtzigster Geburtstag meiner Mutter im November 1994 mit meiner Schwester Käte und meinem Bruder Siegfried.

Nach zwei Jahren gebe ich den Versuch auf, im nervtötenden Berlin Fuß zu fassen, und ziehe in die Kaspar-Hauser-Gegend nach Windsbach bei Ansbach. Seit 1994 wohne ich dort in der früheren kleinen Synagoge.

Resümee: vierundfünfzig Jahre und kein pickelfreier Tag.